Schieß aus dem Bauch heraus
Lisette Model in der Albertina Wien
Im Juli 1959 steht Lisette Model in der Kirche St. Paul the Apostle in New York und fotografiert Billie Holiday im offenen Sarg. Die Gardenien, die die Sängerin immer im Haar getragen hatte, liegen jetzt als Grabbeigabe neben ihr. Es ist eines der letzten Bilder, die Model macht. Zwei Frauen, beide vom FBI überwacht, beide von den Fünfzigerjahren gebrochen - die eine durch Sucht und Rassismus, die andere durch McCarthy und die Denunziation als "politisch unzuverlässig".
Lisette Model - Billie Holiday. St. Paul the Apostle, New York 1959
Wie kommt es dazu? Die Retrospektive in der Albertina erzählt diese Geschichte - und sie ist aktueller, als mir lieb ist.
Wien - Nizza - New York
Lisette Model wird 1901 als Elise Stern in eine großbürgerliche Wiener Familie geboren. Sie studiert bei Arnold Schönberg, will Sängerin werden, muss nach dem Tod des Vaters mit der Familie nach Paris übersiedeln. Die Stimme versagt, sie greift zur Kamera. Der Rat ihrer Schwester Olga: Fotografiere nur, was dich leidenschaftlich interessiert.
"Schieß aus dem Bauch heraus!" - das wird Models Credo, ihr Markenzeichen. Im Sommer 1934 sitzt sie an der Promenade des Anglais in Nizza und fotografiert die Reichen beim Nichtstun. Was dabei entsteht, ist keine Dokumentation, sondern eine Abrechnung. Die Dame im Punktekleid mit dem Fächer, die in die Kamera starrt - erschöpft, trotzig, überladen mit Accessoires. Der Herr im Pepita-Anzug mit der Zigarre, dessen Hände die Körpersprache von jemandem sprechen, der nichts mehr beweisen muss.
Lisette Model Promenade des Anglais 1934
Model nennt das nicht Sozialkritik. Sie schweigt zu politischen Kategorisierungen. Aber die Bilder sprechen für sich, und als sie 1941 in New York unter dem Titel "Why France Fell" veröffentlicht werden, versteht jeder die Botschaft: Diese Leute haben nicht aufgepasst, während Europa brannte.
Die andere Seite
Doch Model kann mehr als beißen. Im Bois de Boulogne, 1937, fotografiert sie eine alte Dame, die im Park sitzt und liest. Das Buch nah am Gesicht - vielleicht sieht sie nicht mehr gut -, die Handtasche ordentlich auf dem Nebenstuhl, der Baumstamm im Rücken wie ein Schutz. Keine Satire, keine Entlarvung. Nur ein Mensch, der sich eine Insel im öffentlichen Raum geschaffen hat.
Lisette Model Bois de Boulogne 1937
Diese Bandbreite zwischen Schärfe und Empathie zieht sich durch das ganze Werk. In Sammy's Bar in der Bowery, Anfang der Vierziger, fotografiert Model ein Paar an der Theke - er beugt sich zu ihr, sie lächelt mit einem wissenden, müden Ausdruck. Die Biergläser zwischen ihnen, das Licht von der Seite. Das ist keine Karikatur, das ist Zuneigung zum Leben, wie es ist.
Lisette Model Sammy’s BAr 1940-44
Neue Perspektiven
In New York erfindet Model sich neu. Die Stadt ist zu schnell, zu vertikal für den frontalen Blick von Nizza. Sie entwickelt zwei Strategien, die mich als Straßenfotografen unmittelbar ansprechen.
Die erste: Spiegelungen. Model stellt sich vor Schaufenster und fotografiert, was das Glas ihr zeigt - die Reflexion der Passanten, überlagert mit den Waren dahinter. Menschen werden zu Gespenstern, durchdrungen von Glühbirnen und Preisschildern. Die stabile Welt, von der aus man alles ordnen könnte, löst sich auf. Das ist Noir.
Lisette Model Spiegelungen 1939-45
Die zweite: Running Legs. Model kniet auf dem Bürgersteig und fotografiert nur die Füße der Vorbeigehenden. Keine Gesichter, keine Identitäten - nur Bewegung und Schatten. Auf Kniehöhe wird Identität zur Abstraktion - aber keine Gleichmacherei. Die Schuhe, der Gang, das Tempo erzählen weiter. Model entzieht uns nur das Gesicht, nicht die Geschichte.
Lisette Model Running Legs
Was ich davon lerne: Der Perspektivwechsel ist nicht bloß Technik, er ist Haltung. Nach oben schauen alle zu den Wolkenkratzern. Nach unten schaut niemand. Und durch die Schichten hindurch - durch Glas, durch Reflexionen - sieht man Dinge, die der direkte Blick verpasst.
Das Verstummen
1954 verhören zwei FBI-Agenten Lisette Model. Die Vorwürfe: Mitgliedschaft in der Photo League, einer linkspolitischen Fotografenvereinigung. Vermeintliche kommunistische Sympathien. Sie können ihr nichts nachweisen, setzen sie aber auf die Security Watchlist. Model verliert ihre wichtigsten Auftraggeber. Ein geplantes Jazzbuch - es wäre das erste seiner Art geworden - scheitert, als eine ehemalige Kollegin sie bei der Geldgeberin als "Unruhestifterin" denunziert.
Im selben Jahr reist Model nach Venezuela, auf Einladung des Diktators Pérez Jiménez, der seine Ölfelder dokumentiert haben will. Sie braucht das Geld. Was sie fotografiert: Bohrtürme, Pumpenstationen, leere Landschaften unter dramatischen Wolken. Keine Menschen. Eine Fotografin, die sich ihr Leben lang für Gesichter interessiert hat, liefert Bilder ab, auf denen niemand zu sehen ist. Zu düster für Propagandazwecke, heißt es später. Aber auch zu leer für Dokumentation. Es sind Bilder einer inneren Emigration - technisch einwandfrei, emotional abwesend.
Lisette Model Maracaibo 1954
Der Ausstellungstext formuliert es präzise: Sie "findet nun oftmals keinen Zugang mehr zu ihrer Umgebung". Das ist es, was Verfolgung anrichtet. Sie zerstört nicht nur Karrieren, sondern den Blick selbst. Wenn jeder ein potenzieller Informant sein kann, wie soll man dann noch "aus dem Bauch heraus" schießen?
Was bleibt
Nach 1959 arbeitet Model kaum noch als Fotografin. Sie unterrichtet - Diane Arbus ist ihre bekannteste Schülerin - und gibt weiter, was sie selbst nicht mehr praktizieren kann. Sie stirbt 1983 in New York.
Was bleibt für mich?
Das Cropping. Model hat ihre berühmtesten Bilder in der Dunkelkammer gemacht, nicht auf der Straße. Die Nizza-Porträts wirken so nah, so konfrontativ - dabei stand sie in normalem Abstand und beschnitt später radikal. Die Aufnahme ist der Anfang, nicht das Ende.
Die Dissonanz. Model hat bei Schönberg gelernt, dass der Akkord nicht aufgelöst werden muss. Ihre Bilder sind nicht harmonisch, nicht ausbalanciert, nicht gefällig. Die Spannung ist das Bild.
Die Verwundbarkeit. Model hat nie aus sicherer Distanz fotografiert - nicht räumlich, nicht emotional. Die Nizza-Bilder sind Nahkampf, die Sammy's-Bar-Bilder sind Zuneigung. Und die Maracaibo-Bilder zeigen, was passiert, wenn diese Nähe nicht mehr möglich ist.
Ich gehe aus der Albertina mit dem Bild von Billie Holiday im Kopf. Model hat die Sängerin öfter fotografiert als jede andere Musikerin. Im Leben und im Tod. Es ist ein Abschied von einer Künstlerin und ein Abschied von der eigenen Kunst. Zwei Frauen, die wussten, was es heißt, auf einer Liste zu stehen.
Und die Maracaibo-Bilder ohne Menschen - sie bleiben als Warnung. Dass es Umstände gibt, unter denen der Blick selbst versagt. Unter denen man verstummt. Unter denen man nicht mehr aus dem Bauch heraus schießen kann, weil jeder ein potenzieller Informant sein könnte.
Lisette Model. Retrospektive. Albertina Wien. Noch bis 22. Februar 2026.
Alle Ausstellungsfotos: Siegfried Lautenbacher