Das Minderwertigkeitsgefühl als politische Kategorie
Zu Fritz B. Simons „Mittelmaß und Eitelkeit. Profiling des Diktators – ein Versuch.“
Venedig 2024
Auf der Fahrt von Venedig nach München habe ich Fritz B. Simons neues Buch gelesen. „Mittelmaß und Eifersucht. Profiling des Diktators -ein Versuch.“
Knapp zweihundert Seiten, ein schmaler Versuch, das Psychogramm des Typus Diktator zu skizzieren, ohne Pathologisierung, ohne politische Agenda.
Simon braucht man nicht vorzustellen. Er ist einer der prägenden Theoretiker der systemischen Therapie im deutschsprachigen Raum und es ist immer ein Gewinn, ihn zu lesen. Wenn jemand wie er ein solches Buch schreibt, lohnt es daher besonders, genau hinzuschauen.
Sein Ausgangsproblem ist ein begriffliches. Der Narzissmus-Vorwurf, der in der öffentlichen Debatte über Trump, Putin und andere so selbstverständlich kursiert, erklärt nach Simon zu wenig. Er ist zu weit, zu undifferenziert, wie eine Totschlagformel, die mehr über die politische Haltung des Diagnostikers sagt als über die psychische Struktur des Diagnostizierten. Simon sucht nach etwas Präziserem.
Er findet es bei Alfred Adler.
Das Minderwertigkeitsgefühl, so Simon, ist der nützlichere Begriff, und zwar gerade weil er weniger pathologisiert. Adler hatte darauf bestanden, dass dieses Gefühl universell ist: „Mensch sein heißt: sich minderwertig fühlen.“ Es ist kein Defekt, sondern Antrieb. Die Natur hat dem Menschen ein starkes Minderwertigkeitsgefühl mitgegeben, das nach Kompensation drängt, nach dem Wechsel von der Minus- in die Plussituation. Der Diktator tut also im Grunde dasselbe wie alle, er kompensiert. Was ihn unterscheidet, ist das Ausmaß: körperliche Defizite, soziale Herkunft, kombiniert mit einer Mutter, die Größe verspricht und fordert. Aus solchen Konstellationen formt sich, was Adler den Lebensstil nennt – ein früh ausgebildetes, weitgehend unbewusstes Muster, das fortan jede Situation nach demselben Schema liest. Das ergibt eine Kompensationsdynamik, die an der Spitze der Macht nicht endet, sondern dort erst recht weiterläuft.
Adlers Zugriff ist dabei nicht kausal, sondern final. Er fragt nicht: Was hat den Diktator zu dem gemacht, was er ist? Sondern: Worauf zielt sein Verhalten? Welches Bild von sich selbst soll erreicht, gesichert, verteidigt werden? Das passt zum Genre des Profilings besser als jede tiefenpsychologische Ursachensuche. Simon nutzt diesen Zugriff implizit, ohne ihn so zu benennen.
Den zweiten Titelbegriff „Eifersucht“ arbeitet Simon als strukturelle Folge heraus. Er unterscheidet zwischen Neid und Eifersucht: Neid ist eine Zweierbeziehung (ich will, was du hast), Eifersucht eine Dreiecksbeziehung (ich will nicht, dass du hast, was mir zusteht). Der Diktator ist eifersüchtig im technischen Sinn. Er misstraut allen, die Stärke, Klugheit oder Kreativität besitzen, die er selbst für sich beansprucht. Eifersucht ist hier keine Gefühlsregung, sondern eine politische Struktur, die erklärt, warum Diktatoren systematisch Kompetenz um sich herum vernichten.
Das finde ich sehr scharfsinnig gearbeitet und überzeugend. Simons Entscheidung, Adler dem Narzissmus-Diskurs vorzuziehen, ist methodisch begründet, und sie hat den angenehmen Nebeneffekt, dass ein Denker ins Spiel kommt, der im akademischen Mainstream meines Erachtens zu Unrecht an den Rand gedrängt wurde.
Kurz vor Innsbruck war ich mit dem Buch durch. Es hat sich fast wie ein Krimi gelesen. Und doch fehlte mir etwas.
Adler hatte neben dem Minderwertigkeitsgefühl ein zweites großes Konzept: das Gemeinschaftsgefühl. Und beide gehören zusammen. Das Minderwertigkeitsgefühl ist für Adler nicht nur der Antrieb zur Kompensation durch Macht, sondern es ist auch der Ursprung von Empathie, von Solidarität, von der Fähigkeit zur Verbundenheit. Beides wächst aus derselben Wurzel: der frühen Erfahrung, klein zu sein, abhängig, angewiesen auf andere. Die entscheidende Weiche liegt nicht im Gefühl selbst, sondern darin, wohin es drängt: in Richtung Überlegenheit oder in Richtung Verbindung.
Simon braucht diese zweite Hälfte für sein Thema nicht. Ein Buch über Diktatoren beschreibt eine Welt, aus der das Gemeinschaftsgefühl strukturell abwesend ist. Es ist verdrängt, nie entwickelt, oder durch die Kompensationsdynamik dauerhaft überlagert.
Wer Adler liest, fragt unweigerlich weiter: Was entscheidet darüber, welche Richtung die Kompensationsbewegung nimmt? Simon beschreibt die eine Richtung messerscharf: Macht, Eifersucht, die Unfähigkeit, Widerspruch zu ertragen.
Was er nicht beschreibt, sind die Bedingungen, unter denen dieselbe Ausgangserfahrung in eine andere Richtung drängt. Adler nennt das Ermutigung. Und es wäre an der Zeit, das mal aus dem rein pädagogischen Kontext rauszuholen.
Mittelmaß und Eifersucht halten die Welt als Geisel. Das muss nicht so bleiben.
Fritz B. Simon: Mittelmaß und Eifersucht. Profiling des Diktators – ein Versuch. Carl-Auer Verlag, 2026.