Pane e rose. Gedanken zum 1. Mai.

Campo Santa Margherita, früh am Morgen. Venedig, November 2023.

Ich schreibe das in Venedig. Der 1. Mai ist hier wichtig, anders als in München. Gestern Abend beim Essen im La Bitta sagte mein Freund Guido einen Satz, der mir nachgeht: Es ist nicht die Veränderung, mit der haben wir uns immer arrangiert. Es ist das Tempo.

Wir hatten über KI gesprochen, über Arbeit. Daran muss ich heute denken.

Arbeit ist bei Adler eine der drei Lebensaufgaben. Nicht zufällig. Sie ist der Ort, an dem wir unseren Beitrag konkret leisten, an dem aus Idee Materie wird, an dem der Einzelne sich in der Welt verortet, indem er etwas zu ihr beiträgt. Arbeit ist nie nur Erwerb. Sie ist die Form, in der Mitwirkung sichtbar und spürbar wird.

Die Veränderung ist hart. Tätigkeiten verschwinden, Berufsbilder lösen sich auf, Menschen verlieren ihre Existenzgrundlage. Das ist real und es ist heute. Aber daneben geschieht noch etwas, das in den tagespolitischen Debatten meist untergeht: Es verschiebt sich auch das Wie der Mitwirkung. Wenn ein Beitrag, der bisher Sinn stiftete – eine durchdachte Analyse, ein präziser Code, eine gut formulierte E-Mail – in Sekunden maschinell erzeugt werden kann, dann ist das nicht nur ein ökonomisches Ereignis. Es erschüttert die Erfahrungsgrundlage des Mitwirkens selbst.

Drei Beobachtungen dazu, mehr als Fragen denn als Antworten:

Erstens. Guido hat recht. Das Tempo hat eine eigene anthropologische Dimension. Es überfordert die Reflexionszeit. Resonanz braucht Zeit. Mitbewegung braucht Zeit. Eine Arbeitsform anzueignen, statt sie nur zu erleiden, braucht Zeit. Wenn alles immer schneller wird, schrumpft der Raum, in dem Arbeit überhaupt noch als Mitwirkung erfahren werden kann.

Zweitens. Die entscheidende Frage ist nicht, ob KI Arbeitsplätze vernichtet. Die entscheidende Frage ist, ob die Arbeitsformen, die jetzt entstehen, ermutigend oder entmutigend strukturiert sind. Subjektstatus, Feedback, Gleichwertigkeit, Konfliktfähigkeit: Das sind keine HR-Themen, sondern anthropologische Bewertungskriterien. Welche KI-Implementierung verstärkt das Machtstreben einer Organisation, welche stärkt ihr Gemeinschaftsgefühl? Das ist keine technologische Frage, sondern eine Gestaltungsfrage. Und Gestaltung passiert nicht von selbst.

Drittens. Was Maschinen nicht ersetzen können – Pflege, Begegnung, Mitbewegung, das leibliche Mit-Sein – rückt strukturell in die Mitte. Ob daraus eine neue Wertschätzung folgt oder ob diese Tätigkeiten weiter unsichtbar bleiben, weil sie sich der Effizienzlogik entziehen, ist offen. Es ist eine politische Frage. Und sie wird heute entschieden, nicht in zehn Jahren.

Das sind Notizen, keine Thesen. Eine Konnektivistische Anthropologie, die ihren Namen verdient, muss zur Arbeit etwas sagen können, das über Reaktion hinausgeht. Wir fangen damit erst an.

Wo dieser Text entstand. Altana, 1. Mai 2026.

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