Strahlend
Marseille, Vieux Port, 14. Juli 2026
Ich habe in den vergangenen Wochen Uwe Wittstocks „Marseille 1940“ gehört, die Geschichte der großen Flucht der Literatur aus dem besetzten Frankreich. Das Buch ist voller berühmter Namen: Heinrich Mann, Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Hannah Arendt, Walter Benjamin. Besonders beeindruckt hat mich eine Nebenfigur. Ein Berliner, fünfundzwanzig Jahre alt, der für den amerikanischen Fluchthelfer Varian Fry die gefährliche Alltagsarbeit machte: Geld auf dem Schwarzmarkt wechseln, falsche Pässe beschaffen, Wege über die Pyrenäen erkunden. Über tausend Menschen brachte Frys kleines Büro außer Landes. Fry nannte seinen jungen Mitarbeiter wegen seines Lächelns „Beamish“, nach einem alten englischen Wort für strahlend.
Sein Name war Otto Albert Hirschmann. 1933 war er als Siebzehnjähriger aus Berlin geflohen, wenige Wochen nach dem Abitur. Er studierte in Paris, London und Triest, kämpfte 1936 als Freiwilliger in Spanien, meldete sich 1939 zur französischen Armee. Nach der Niederlage kam er nach Marseille. Und Ende 1940, als es für ihn selbst zu gefährlich wurde, ging er zu Fuß über die Berge nach Spanien, auf einem der Wege, die er für andere erkundet hatte. Spanien war nur die Durchgangsstation. Über Lissabon reiste er weiter in die USA, mit einem Visum, zu dem ihm Frys Verbindungen verholfen hatten.
Kürzlich bin ich ihm über Umwege wieder begegnet. Aus Otto Albert Hirschmann war in Amerika Albert O. Hirschman geworden, Ökonom. Dreißig Jahre nach Marseille schrieb er eines der einflussreichsten Bücher der Sozialwissenschaften: „Exit, Voice, and Loyalty“, auf Deutsch „Abwanderung und Widerspruch“. Es gilt als Standardwerk des zwanzigsten Jahrhunderts, seine Begriffe sind längst Alltagsvokabular in Ökonomie und Politikwissenschaft. Ich kannte nicht einmal seinen Namen. Vielleicht bin ich damit nicht allein.
Das Buch fragt etwas scheinbar Einfaches. Wenn etwas, das uns angeht, schlechter wird, etwa eine Firma, ein Verein, eine Partei, eine Stadt, ein Land, dann haben wir zwei Möglichkeiten: Wir können gehen, oder wir können den Mund aufmachen. Hirschman nennt das Exit und Voice, Abwanderung und Widerspruch. Dazwischen arbeitet eine dritte Kraft, die Loyalität, die uns halten kann, bis der Widerspruch eine Chance bekommt. Was mich besonders beschäftigt, ist der Zusammenhang der beiden Möglichkeiten: Wo das Gehen leicht ist, verkümmert das Widersprechen, denn wer gehen kann, muss nicht mehr streiten. Widerspruch ist für Hirschman „eine Kunst, die sich ständig in neue Richtungen entwickelt“, und wie jede Kunst kann sie verlernt werden.
Sein eigenes Leben hat Hirschman aus dem Buch herausgehalten, bis auf zwei Spuren. Die Widmung gilt Eugenio Colorni, einem italienischen Sozialisten, der 1944 in Rom von Faschisten erschossen wurde. Von ihm habe er gelernt, kleinen, genauen Beobachtungen zu trauen statt den großen Welterklärungen, und abzuwarten, was aus ihnen wächst. Und an einer Stelle zitiert er den Psychoanalytiker Erik Erikson mit dem Satz, man könne aktiv fliehen und man könne aktiv bleiben.
Und dann, 1992, mit Ende siebzig, kehrte er zu dem Land zurück, aus dem er gegangen war. Sein Modell hatte behauptet, Abwanderung schwäche den Widerspruch. 1989 in Leipzig und Dresden geschah das Gegenteil: Die Ausreisewelle leerte die Demonstrationen nicht, beide verstärkten einander, bis die Mauer fiel. Hirschman korrigierte sich öffentlich, mit erkennbarem Vergnügen an der eigenen Widerlegung, und sprach von seinem „Wiedereintritt in deutsche Politik und Geschichte“. Der Mann, der 1933 gegangen war, kam als Denker des Bleibens zurück.
Dieser Blog heißt The Logic of Courage, und vielleicht bin ich deshalb an Hirschman hängen geblieben. Denn bevor er über das Gehen und Bleiben schrieb, hat er beides unter Bedingungen getan, die ich mir kaum vorstellen kann. Mit siebzehn verließ er Berlin, allein. Mit einundzwanzig meldete er sich freiwillig für den Spanischen Bürgerkrieg, mit vierundzwanzig für die französische Armee. In Marseille arbeitete er Monat für Monat daran, andere außer Landes zu bringen, als deutscher Jude in einem Land, das sich im Waffenstillstandsvertrag verpflichtet hatte, Deutsche auf Verlangen auszuliefern. Von diesem Mut hat er später nie gesprochen.
Mut hat bei ihm zwei Richtungen. Es braucht Mut zu gehen, 1940 hat das Leben gerettet. Und es braucht Mut zu bleiben und zu widersprechen. Welche der beiden Richtungen die richtige ist, entscheidet keine Moral, sondern die Lage: ob Widerspruch eine Chance hat, gehört zu werden. Diese Frage scheint mir sehr gegenwärtig, in Unternehmen, in Vereinen, in Landstrichen, aus denen seit Jahrzehnten diejenigen wegziehen, die widersprechen könnten.
In der Tradition, aus der ich komme, der Individualpsychologie Alfred Adlers, hängen Mut und Zugehörigkeit eng zusammen. Den Mut zu widersprechen findet am ehesten, wer sich zugehörig fühlt und schon erlebt hat, dass sein Beitrag etwas ändern kann. Adler hatte dafür ein Wort, das sperriger klingt, als es gemeint ist: Gemeinschaftsgefühl. Hirschmans Loyalität, diese dritte, bei ihm merkwürdig blasse Kraft, sieht dem von weitem verwandt aus, und dieser Verwandtschaft möchte ich nachgehen. Ich fange gerade erst an, ihn zu lesen, und werde hier davon erzählen.