Überwundene Verzweiflung

Bernanos, Pelluchon und die Frage, wer uns ermutigt

Kopf einer Göttinnenstatue, wahrscheinlich Aphrodite. Römisch, 2. Jahrhundert n. Chr., gefunden im Odeon des Herodes Atticus in Athen. Marmor, Elfenbein, Bronze. Die oxidierten Wimpern aus Bronze haben Spuren hinterlassen, die wie Tränen aussehen. Athen, Akropolismuseum; gezeigt in »Broken. Il potere del frammento«, Palazzo Strozzi, Florenz. November 2026

Ein hagerer junger Pfarrer trinkt schlechten Vin chaud. Am Ende steht der Satz „Alles ist Gnade“. Das ist mir von einem Film geblieben, den ich 1981 zum ersten Mal gesehen habe, mit siebzehn: „Tagebuch eines Landpfarrers“ von Robert Bresson. Der Film beruht auf dem Roman von Georges Bernanos aus dem Jahr 1936. Den habe ich erst mit etwa vierundzwanzig gelesen, und seitdem so oft, dass ich ihn fast auswendig kenne. Später kam Bernanos' erster Roman dazu, „Die Sonne Satans“.

An diesen Pfarrer musste ich bei der Lektüre von „Transdeszendenz, Ökologie, Demokratie“ denken. Das Buch stammt von Corine Pelluchon, die an der Université Gustave Eiffel bei Paris politische Philosophie und angewandte Ethik lehrt. Der schmale Band geht auf Pelluchons Rede zum Dr. Leopold Lucas-Preis in Tübingen zurück und ist bei Mohr Siebeck frei zugänglich erschienen. Im Kapitel über die Hoffnung steht Bernanos: „Hoffnung ist, wie Bernanos sagt, die überwundene Verzweiflung.“

Eine Rede in Tübingen

Der Preis erinnert an den Rabbiner Leopold Lucas, der 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt starb. Seine Frau Dorothea wurde im Oktober 1944 in Auschwitz ermordet. Pelluchon beginnt ihre Diagnose mit dem ersten Satz aus Adornos „Erziehung nach Auschwitz“: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Ihre Frage lautet, wie sich heute „die Wiederholung des Schlimmsten“ verhindern lässt, unter dem Druck ökologischer, politischer und geopolitischer Krisen.

Sie verteidigt dazu die Aufklärung, und sie tut es mit deren Selbstkritik. Aufklärung ist für sie ein Ethos, die Gegenwart auf ihre Gefahren hin zu befragen, und ein „unvollendeter Prozess“. Wer sich heute auf sie beruft, muss Auschwitz, Hiroshima, den Kolonialismus und die ökologische Krise mitdenken. Sie fragt dabei, was „im Psychischen ebenso wie in den sozioökonomischen Strukturen“ verhindert, dass Menschen anders mit der Welt umgehen. Mit der Individualpsychologie arbeite ich an einer verwandten Frage: wie das, was ein Mensch erlebt hat, und die Verhältnisse, in denen er lebt, zusammen bestimmen, wie er auf die Welt antwortet.

Das Herrschaftsschema

Warum hat die Aufklärung uns nicht vor dem Schlimmsten bewahrt? Pelluchon sucht den Grund in einem Muster, das älter ist als der Kapitalismus. Sie nennt es das Herrschaftsschema. Herrschaft wirkt dreifach: über andere Menschen, über die äußere Natur und über die eigene Natur. Mit dem Begriff verbindet sie Phänomene, die sonst getrennt verhandelt werden: Kapitalismus, Totalitarismus, Bürokratisierung, die Verdinglichung der Tiere und den Extraktivismus, den Raubbau an Rohstoffen. Im Kern steht für sie „die Ablehnung unserer leiblichen und verletzlichen Existenz“. Aggressiv werden wir gegenüber denen, „die mit Körperlichkeit und Verwundbarkeit assoziiert werden: Frauen, Kindern und Tieren“.

Der zweite Schritt führt über Ernest Becker zur Todesverleugnung. Becker war ein amerikanischer Kulturanthropologe. Für sein Buch „The Denial of Death“ (1973) erhielt er 1974 den Pulitzer-Preis, zwei Monate nach seinem Tod. Pelluchon übernimmt von ihm, dass die Verleugnung des Todes eine „kulturelle Invariante“ ist. Das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit löst so viel Schrecken aus, dass wir es verdrängen. Die Kosten erklären für Pelluchon, „warum wir oft gegen unsere eigenen Interessen handeln, weshalb Umweltschutz heute so unbeliebt ist und warum Polarisierung sowie Nationalismus weltweit zunehmen“. Menschen verwandeln „ihre Ohnmacht in eine Illusion von Allmacht“. Konsumzwang und Klimaskepsis zählt sie zu diesen Abwehrstrategien.

Am weitesten geht sie beim Umgang mit Tieren. „Tierquälerei ist kein Randphänomen der Empörung, sondern ein Spiegel dessen, was wir geworden sind.“ Wer sich an das Leid der Tiere gewöhnt, wird gleichgültig gegenüber dem Schmerz all jener, „die nicht 'wie wir' sind“. Eine Kultur, die den Tod verleugnet, verbreitet ihn. Pelluchon nennt sie eine Kultur des Todes.

Warum der Neofaschismus verführt

Adolfo Wildt, »Dux«, 1923. Bronze. Geschaffen für die Casa del Fascio in Mailand, während der Befreiung im April 1945 mit Spitzhacken beschädigt. Die Ausstellung liest die Schläge als Damnatio memoriae, als Versuch, das Bild des Diktators aus dem öffentlichen Gedächtnis zu tilgen. Sammlung Carlo Eleuteri; gezeigt in »Broken. Il potere del frammento«, Palazzo Strozzi, Florenz. November 2026

Von hier aus fragt sie, warum Menschen sich rechtsextremen Führern unterwerfen. Armut oder niedrige Bildung erklären es nach ihr nicht in erster Linie. Entscheidend seien das Gefühl, verloren zu sein, und die Schwierigkeit, den Verlust traditioneller Bezugspunkte zu akzeptieren. „Jeder fühlt sich austauschbar, ja überflüssig.“ Mit Leo Löwenthal und Norbert Guterman beschreibt sie, was Agitatoren daraus machen: eine „umgekehrte Psychoanalyse“, die das Unbehagen verstärkt, Sündenböcke anbietet und die Ohnmacht in ein überwältigendes Machtgefühl verwandelt. Der Führer verspricht eine „stellvertretende Unsterblichkeit“.

Adolfo Wildt hat Mussolini 1923 für die Casa del Fascio in Mailand in Bronze gestaltet. Während der Befreiung im April 1945 haben Menschen mit Spitzhacken auf dieses Gesicht eingeschlagen. Heute steht die Büste mit diesen Spuren in der Florentiner Ausstellung. Ich sehe an ihr das Versprechen der Dauer und den Versuch, es mit der Zerstörung des Bildes zurückzunehmen. Das Gefühl, überflüssig zu sein, aus dem Pelluchon die Verführbarkeit erklärt, verschwindet mit dem Bild nicht.

Alfred Adler hat vor über hundert Jahren beschrieben, wohin ein solches Gefühl führen kann: vom Minderwertigkeitsgefühl zur Fiktion der Gottähnlichkeit. Mit ihm im Kopf lese ich Pelluchons Diagnose als etwas Bekanntes in neuer Sprache. Bei Pelluchon kommt Adler nicht vor; ihre Gewährsleute sind Ernest Becker, Wilhelm Reich und Adorno. Mich interessiert, was die finale Perspektive der Individualpsychologie hier beitragen kann. Darauf komme ich zurück.

Levinas und das, wovon wir leben

Emmanuel Levinas (1906–1995), der französisch-jüdische Philosoph, begleitet mich seit 1984. Damals hat ihn mir Gerd Haeffner nahegebracht, Jesuit und Philosoph in München und mein Professor für philosophische Anthropologie. Pelluchon hat ein Buch über Levinas geschrieben: „Levinas verstehen. Ein Philosoph für unsere Zeit.“ Levinas nennt das Gesicht des Anderen eine Epiphanie. Es zeigt sich mir, und doch bekomme ich es nicht zu fassen. Pelluchon zählt auf, was das heißt: Der Andere lässt sich nicht auf seine Leistungen reduzieren, er ist stets mehr als das, was er tut, und er ist nicht die Gesamtheit seiner Defizite. Und sie fügt hinzu: „Die Begegnung mit dem Anderen ist stets die Begegnung eines verletzlichen und sterblichen Wesens mit einem verletzlichen und sterblichen Wesen.“ So habe ich Levinas auch bei Haeffner kennengelernt, als Störung.

An einer Stelle geht Pelluchon über Levinas hinaus. Sie bestreitet, dass das Ethische erst mit der Begegnung des Anderen beginnt, „denn sobald man isst, selbst wenn man ganz allein am Tisch ist, hat man eine Wirkung auf die Anderen, menschliche und nicht menschliche“. Das ist die Bewegung, die sie Transdeszendenz nennt. Den Begriff übernimmt sie von Jean Wahl, als Gegenstück zur Transaszendenz, dem Aufstieg zu Gott. Transdeszendenz ist ein Überschreiten nach unten. Man geht über sich hinaus, indem man sich als geborenes, verletzliches und sterbliches Wesen erkennt, das zu einer Welt gehört, die älter und größer ist als man selbst. In der Tübinger Rede nennt sie das „eine Vertiefung der Selbsterkenntnis“, und die gemeinsame Welt ist eine, „die uns bei unserer Geburt willkommen heißt“. Leben heißt für sie „leben von“, „leben mit“ und „leben für“.

Dabei habe ich den Landpfarrer vor Augen, wie er seinen Wein trinkt. Bernanos lässt ihn von fast nichts leben, von Brot und Wein, und sein Körper verfällt dabei. Ich lese ihn heute als jemanden, der seine Verletzlichkeit nicht verbergen kann, auch wenn er es versucht.

Ressourcen

Der Untertitel der Rede spricht von Ressourcen, und Pelluchon nennt mehrere. Die erste ist eine Haltung, die sie consideratio nennt. Das Wort geht auf cum und sidus zurück, mit der Sternenkonstellation. Gemeint ist eine aufmerksame Betrachtung, durch die ein Wesen, Mensch oder Tier, in seinem Eigenwert anerkannt wird. Pelluchon versteht sie als Seinsweise, die in der Transdeszendenz gründet.

Eine zweite Ressource sieht sie in der Öko-Angst. Entwickeln würden sie, schreibt Pelluchon, “die Mutigsten unter uns”. Schwach sind diese Menschen für sie nicht. Sie nennt sie „Wächterinnen und Wächter“. Ihre Angst entspringe „gerade der Liebe zur gemeinsamen Welt“. Sie kann in Engagement übergehen, wenn die Betroffenen diesen Ursprung erkennen und in der dunklen Phase begleitet werden.

Die dritte ist Dankbarkeit. Mit Hannah Arendt sagt Pelluchon, die Menschen der Moderne hätten die Wahl zwischen Ressentiment und Dankbarkeit. Das Ressentiment richtet sich gegen das Gegebene, die Dankbarkeit gründet in der Liebe zur gemeinsamen Welt. Daraus folgt eine Politik der Grenzen: gemeinsam entscheiden, welche Verzichte akzeptabel sind, und mit André Gorz fragen, was „ausreichend“ ist. Die Macht, die sie dafür braucht, nennt sie Wirkmacht des Weiblichen, potentia, Macht zu etwas, im Unterschied zu potestas, Macht über andere. Den Begriff versteht sie ausdrücklich nicht essentialistisch. Er bezeichnet eine Haltung, die Frauen und Männern offensteht.

Durch die Nacht

Pelluchon unterscheidet Hoffnung von Optimismus. Optimismus sei „oft nur eine Maske der Verleugnung“; er rede die Lage klein und behaupte Kontrolle. Hoffnung „setzt die Durchquerung des Unmöglichen voraus“: die Erfahrung einer Nacht, in der man den psychischen Zusammenbruch annimmt, „ohne das Leiden in Selbsthass oder Weltverachtung zu verkehren“, und dabei auf Rache, Rebellion oder Kontrolle verzichtet. Den Mut dazu beschreibt sie mit Aristoteles, als Fähigkeit, „der Angst nicht auszuweichen, sondern ihr bewusst zu begegnen und sie zu durchschreiten“.

Zwei Priester

Bei Bernanos finde ich zwei Wege durch diese Nacht erzählt. In der „Sonne Satans“ kämpft der Abbé Donissan gegen die Verzweiflung, mit Buße bis zur Gewalt gegen sich selbst. An einer Stelle versucht er, ein totes Kind ins Leben zurückzuholen. Mit Pelluchon lese ich das als Allmacht in geistlicher Gestalt: Das Unverfügbare soll erzwungen werden, und zwar von einem, der Gott dienen will.

Der Landpfarrer scheitert nach jedem äußeren Maß. Das Dorf misstraut ihm, sein Körper versagt, er stirbt jung. Seine letzten Worte sind „Alles ist Gnade“. Ich höre darin keinen Trost, den er sich zurechtlegt. Er hat aufgehört, gegen die eigene Ohnmacht anzukämpfen, und ist dabei nicht bitter geworden. Das kommt dem nahe, was Pelluchon mit Bernanos überwundene Verzweiflung nennt.

Wer ermutigt?

Hier setzt meine Frage an Pelluchon an. Sie schreibt, Demokratie setze „reife Individuen voraus“. Reife bedeutet bei ihr, den eigenen Narzissmus zu überwinden oder sich wenigstens seiner Schwächen bewusst zu werden. Das liest sich wie eine Eintrittsbedingung, und ich frage mich, wer feststellt, wer reif ist.

Zwei Seiten später steht ein Satz, der in eine andere Richtung zeigt. Nationalismus sei eine Versuchung, „wenn Menschen sich nutzlos und machtlos fühlen und nicht ermutigt werden, sich ihrer eigenen inneren Konflikte bewusst zu werden“. Das Wort „Ermutigung“ fällt hier fast beiläufig. In der Individualpsychologie trägt es das Gewicht. In Adlers Sprache sucht ein entmutigter Mensch seine Überlegenheit auf der unnützlichen Seite des Lebens. Reife wäre dann etwas, das zwischen Menschen entsteht, dort, wo jemand als fähig angesprochen wird, mit seiner Verletzlichkeit umzugehen.

Pelluchon selbst will am Ende keine Figuren, die „von oben herab den Weg vorzeichnen“. Sie schließt mit einem Bild von Charles Péguy (1873–1914), dem französischen Dichter und Essayisten, Sozialisten und Katholiken, der in den ersten Wochen des Ersten Weltkriegs fiel. In seinem „Mysterium der Hoffnung“ ist die Hoffnung ein kleines Mädchen, das seine beiden großen Schwestern, den Glauben und die Liebe, mit sich zieht.

Die Frage, die ich aus der Lektüre mitnehme, stellt sich in der Beratung wie in der Politik: Wie spricht man Menschen so an, dass sie ihre Verletzlichkeit nicht verbergen müssen?

Quellen

Corine Pelluchon: Transdeszendenz, Ökologie, Demokratie. Unsere Ressourcen im Angesicht von Krisen. Übersetzt von Corine Pelluchon, herausgegeben von Birgit Weyel in Zusammenarbeit mit Florian Zacher. Lucas-Preis 2025. Tübingen: Mohr Siebeck 2026. 140 Seiten. Festeinband ISBN 978-3-16-200716-2, eBook ISBN 978-3-16-200717-9. Open Access unter CC BY-NC-ND 4.0: doi.org/10.1628/978-3-16-200717-9. Ich danke dem Verlag Mohr Siebeck dafür, dass der Band frei zugänglich ist.

Corine Pelluchon: Levinas verstehen. Ein Philosoph für unsere Zeit. Verlag Karl Alber 2025.

Petra Kislinger: Die Ökologie der Vulnerabilität, skug, 26.10.2026.

Georges Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers (1936); Die Sonne Satans (1926).

Robert Bresson: Tagebuch eines Landpfarrers (1951).

Zu den Bildern

Beide Fotos sind in der sehr sehenswerten Ausstellung Broken. Il potere del frammento im Palazzo Strozzi in Florenz entstanden (25. September 2026 bis 24. Januar 2027, in Zusammenarbeit mit der National Gallery of Art, Washington). Die Ausstellung zeigt das Fragment in der Geschichte der Skulptur, von der Antike über Michelangelo und Rodin bis zur Gegenwart. Zur Ausstellung beim Palazzo Strozzi

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