Tereus und Pandion. Eine Begegnung im Ca’Pesaro
Jenny Saville, Voice of the Shuttle (Philomela), 2014/15. Pastell und Kohle auf Leinwand. Ca' Pesaro, Venedig.
In der großen Saville-Ausstellung im Ca' Pesaro hängt am Ende des Rundgangs, in einem der letzten Räume, ein großformatiges Pastell von 2014/15. Es heißt Voice of the Shuttle (Philomela).
Im Hintergrund eine zerschossene Landschaft, kahle Baumstümpfe wie auf den Bildern von Paul Nash aus dem Ersten Weltkrieg. Im Vordergrund ein Geflecht aus Körpern, eine Frau, ein Kind, halb sichtbar, mit roten Spuren, die wie Blutflecken wirken. Über allem zwei Männerköpfe, fast frontal, mit Schnurrbart, ordentlich frisiert, fast wie aus einem Familienalbum um 1900. Unter den Köpfen mit Bleistift, in Savilles Handschrift, zwei Namen: Tereus und Pandion.
Tereus, König von Thrakien, vergewaltigt seine Schwägerin Philomela und schneidet ihr die Zunge heraus, damit sie nicht erzählen kann, was geschehen ist. Pandion ist ihr Vater. Er ist es, der seine Töchter Tereus anvertraut hat.
Philomela kann nicht sprechen. Sie webt die Geschichte in einen Wandteppich und schickt ihn ihrer Schwester. So bekommt das Verbrechen seine Stimme. Voice of the Shuttle – die Stimme des Webschiffchens.
Ich hatte am Morgen einen Text über Fritz B. Simons Mittelmaß und Eifersucht fertig geschrieben — ein systemischer Versuch, den Diktator-Typus zu profilieren, mit Alfred Adler als Hauptzeuge. Vor Savilles Bild fiel mir auf, dass sie das Buch fortsetzt, ohne es zu kennen.
Was an den Köpfen trifft, ist nicht ihr Schrecken, sondern ihre Banalität. Sie sehen nicht dämonisch aus. Sie sehen aus wie Familienväter, wie Standesbeamte, wie Schwiegerväter. Saville malt nicht das Monster. Sie malt den Mann, der morgens aus dem Haus geht und das tut, was er für sein gutes Recht hält.
Das ist das, wovon Simon schreibt.
Tereus ist die Kompensationsbewegung in ihrer rohesten Form. Ein Mann, der aus eigener Substanz nicht groß sein kann, also greift er nach dem, was ihm nicht zusteht, und sichert sich gegen das Erzählen ab. Der Schnurrbart, die ordentliche Haartracht, der bürgerliche Habitus auf dem Bild sind keine Verkleidung. Sie sind die Wirklichkeit dieses Mannes. So sehen Tereuse aus.
Die zwei Köpfe mit Savilles Bleistiftbeschriftung: Tereus und Pandion.
Pandion ist die zweite Hälfte derselben Struktur. Er ist kein Täter, aber er ist der, ohne den die Tat nicht möglich wäre. Er vertraut den Verhältnissen, er liefert die Tochter aus, er schaut nicht hin. In der Adler'schen Bewegungslogik ist er die andere Seite des fehlenden Gemeinschaftsgefühls: nicht die aktive Übermächtigung, sondern das passive Mitlaufen. Beide Bewegungen ergänzen einander. Ohne den Pandion gibt es keinen Tereus.
Was im Bild fehlt, ist die dritte Bewegung. Die Frau, die das Webschiffchen führt. Saville zeigt sie nicht, jedenfalls nicht direkt. Sie ist im Bild abwesend, weil ihre Zunge herausgeschnitten ist. Aber die Zeichnung selbst ist ihre Stimme. Das ist die Pointe, die Simon nicht zieht. Levinas würde sagen: Es ist das Antlitz der Schwester, das Philomela in Bewegung setzt. Nicht Kraft, nicht Entschlossenheit — sondern die Anrufung durch den Anderen. Gemeinschaftsgefühl ist nicht Mitgefühl. Es ist Antwort.
Philomela rettet nicht sich. Sie rettet die Möglichkeit, dass die Geschichte erzählt wird. Sie webt für ihre Schwester.
Saville webt für Philomela. Die zwei Namen unter den Köpfen, mit Bleistift, in Handschrift, sind kein Bildtitel. Sie sind die Verweigerung des Vergessens. Sie sind, was bleibt, wenn die Zunge herausgeschnitten ist und die Welt verbrannt.
Mittelmaß und Eifersucht halten die Welt als Geisel. Es gibt keinen anderen Weg, sie freizubekommen, als die Geiselnehmer beim Namen zu nennen und sich zu denen zu stellen, die geschwächt sind.
Diese Notiz ist vor einem einzigen Bild entstanden. Ein ausführlicher Beitrag zur gesamten Ausstellung folgt.